04.05.2012 | Berlin, RLS, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin

Geschichtsrevisionismus und Antifaschismus

Osteuropaforum der Rosa-Luxemburg-Stiftung

Liebe Osteuropa-interessierte Freunde der Rosa-Luxemburg-Stiftung!

Hiermit laden wir Sie/Euch herzlich zum Osteuropaforum ein. Unser Ziel ist es in erster Linie, einem interessierten Publikum die Möglichkeit zu bieten, sich mit spezifischen gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Region vertraut zu machen und mit auswärtigen Gästen und Referenten in eine fruchtbare Diskussion zu treten. Nach dem erfolgreichen ersten Zusammentreffen im September letzten Jahres debattieren wir beim zweiten Forum über das Thema:

«Geschichtsrevisionismus und Antifaschismus»

In den Staaten Ost-, Mittel- und Südosteuropas kam es nach dem Zusammenbruch des etatistischen Sozialismusmodells nicht nur zu einer radikalen Umkehrung der ökonomischen Beziehungen und gesellschaftlichen Strukturen, sondern ebenso auch zu einer nicht minder radikalen Um- und Neuinterpretation des «kollektiven historischen Gedächtnisses». Diese geschichtspolitische Wende äußerte (und äußert) sich aber mitnichten in einer kritischen Aufarbeitung der Vergangenheit, die sich selbstverständlich auch der Thematisierung stalinistischer Verbrechen gegen die lokale Bevölkerung oder dem systemimmanenten Demokratiedefizit zuwenden müsste. Sie wird vielmehr als ein nationalistisches Geschichtsdogma betrieben, in dem die Nation als eine zeitübergreifende, sinnstiftende und sich selbst genügende Konstante begriffen wird und der Sozialismus als ihr Gegenteil – als ein identitätszersetzender und ‹gottloser› Oktroy von außen. Dadurch soll nicht nur ein national und religiös orientiertes kollektives Geschichtsgedächtnis forciert werden, sondern auch eine historische Delegitimation emanzipatorischer Potentiale der kommunistischen und sozialistischen Arbeiterbewegung als einer breiten demokratischen Demokratisierungsbewegung aller gesellschaftlichen Substrukturen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Bestrebungen nach einer neuen Sicht auf die
nationale Geschichte untrennbar verbunden sind mit einem ausgesprochenen Antikommunismus. Der in Osteuropa zu beobachtende Geschichtsrevisionismus, auch auf Staatsebene, der sich in einigen Fällen zur Rehabilitierung faschistischer Strömungen (Litauen, Ungarn, Kroatien, Serbien) ausweitet, ist untrennbar verbunden mit einer antikommunistischen Ideologie. Infrage gestellt wird dabei nicht bloß die Legitimität des sowjetischen Gesellschaftsmodells nach 1945, sondern auch der lokale Antifaschismus der Zwischenkriegs- und Kriegszeit. Im ehemaligen Jugoslawien sieht sich der Antifaschismus einer scharfen Verleumdungskampagne durch rechtsgerichtete Eliten ausgesetzt. In Kroatien etwa, dessen Staatsverfassung ausdrücklich auf den Grundlagen und Werten des Antifaschismus aufbaut, sehen sich ehemalige Partisanenkämpfer immer häufiger einer medialen Verurteilung als «Mörder» und «Volkszersetzer» ausgesetzt. Ähnliches ist auch in Serbien zu beobachten. In Litauen wurden ehemalige Mitglieder der SS rehabilitiert. Auch in anderen Ländern der Region, etwa Ungarn, werden Antifaschisten öffentlich delegitimiert indem sie als Vaterlandsverräter und ‹sowjetische Kollaborateure› in die nationalistische Geschichtsbetrachtung Eingang finden. Insofern kann man diese beiden Themen nur zusammen denken und behandeln. Der Geschichtsrevisionismus ist untrennbar verbunden mit einer aggressiven antikommunistischen Ideologie der herrschenden Eliten.

Als grober Leitfaden lassen sich folgende Fragestellungen benennen: Wie äußern sich die einzelnen Versuche staatlichen und gesellschaftlichen Geschichtsrevisionismus? Wer sind die maßgeblichen Akteure? Auf welchen Ebenen äußert sich der Revisionismus? Welche Formen der Rehabilitation faschistischer Bewegungen und Organisationen gibt es? Gibt es Widerstand? Wer sind seine Trägergruppen?

Als Referenten haben zugesagt:

Boris Stamenić, Berlin. Promotionsstipendiat der RLS, Thema: Geschichtsrevisionismus in Osteuropa aus komparativer Sicht
Rena Rädle, Belgrad. Partnerorganisation REX, Thema: Die Auseinandersetzung Serbiens mit dem Konzentrationslager Staro sajmište – zugleich eine Projektvorstellung.

Organisatorisches

Das Osteuropaforum findet am 04. Mai von 14 bis 18 Uhr im Seminarraum 1 der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin statt. Wir wünschen uns ausdrücklich auch den Austausch mit Nicht-BerlinerInnen und erstatten daher Fahrtkosten (nach Bundesreisekostengesetz), sowie in begrenztem Umfang auch Übernachtungskosten. Für das leibliche Wohl wird gesorgt. Allerdings sind wir darauf angewiesen, dass Sie/Ihr sich anmelden, damit wir wissen, für wie viele
Leute wir planen. Anmeldung ist daher unbedingt erforderlich. Am besten möglichst bald, aber spätestens bis zum 15. April. Bitte auch angeben, ob Fahrtkosten anfallen und ob wir ein Hotelzimmer reservieren sollen, falls keine Unterkunftsmöglichkeit vorhanden (Bitte nicht selbst buchen). Anmeldung bitte bei: stojakovic@rosalux.de

Wir freuen uns sehr auf Ihren/Euren Besuch

Das Osteuropa-Referat
Ivo Georgiev, Michael Glass, Krunoslav Stojaković, Angelika Helbig