06.04.2012 | Zagreb

Jugoslawische Studien

Für eine revolutionäre Idee und Praxis – In Zagreb fand ein runder Tisch zum Thema «Für dieses Jugoslawien» statt

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Die Teilnehmer des runden Tisches interessierten sich nicht so sehr für Jugoslawien als einer Form der «Erinnerungskultur» oder als einer von politischen Bedeutungen gereinigten Nostalgie, sondern für Jugoslawien als einer revolutionären Idee und Praxis, als einem politischen Erbe des Partisanenkampfes gegen den Faschismus und für die soziale Befreiung, der Erschaffung eines proletarischen Staates, der Selbstverwaltung und Blockfreiheit. Die Teilnehmer des Runden Tisches vom 16. März, Ivana Momčilović, Slobodan Karamanić, Miklavž Komelj und Mislav Žitko, diskutierten zum Thema «Für dieses Jugoslawien», eine Bezeichnung, die auf den Surrealisten und Diplomaten Marko Ristić zurückgeht. Der «Runde Tisch» ist Teil des Gesamtprojektes «The Meaning of Yugoslav Heritage (20 Years After)», das vom Serbischen Nationalrat in Zagreb organisiert wird und dessen Realisation durch das Belgrader Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert worden ist. Entstanden ist dieses Projekt aus der Zeitschriftenbeilage «Aktiv», die sich mit Theorien der Praxis beschäftigt und innerhalb derer neuerliche Standpunkte zum Antifaschismus, Marxismus und Jugoslawismus durchdacht werden. In diesem Fall interessierten sich die Teilnehmer des Runden Tisches – der durch den Herausgeber von «Aktiv» Srećko Pulig geleitet wurde – nicht für Jugoslawien aus dem Blickwinkel der «Erinnerungskultur» oder einer von politischen Inhalten gereinigten «Nostalgie», sondern geradezu umgekehrt: Jugoslawien als eine revolutionäre Idee und Praxis, als eine singuläre Erfahrung, es interessierte ihr politisches Erbe, der Partisanenkampf gegen den Faschismus und für die soziale Befreiung, die Schaffung eines proletarischen Staates, das Selbstverwaltungsexperiment wie auch die Blockfreiheit.

Restauration des Kapitalismus

Mislav Žitko, ein Theoretiker aus Zagreb und Textautor zu Themen der politisch-ökonomischen Transition, analysierte die ökonomische Verfasstheit Jugoslawiens anhand der Texte von Branko Horvat und einigen gegenwärtigen Darstellungen zur Konsumpolitik Jugoslawiens, beispielsweise von Igor Duda. Die Zeitspanne zwischen 1952 und 1960 darstellend, beschrieb Žitko die  Sozialistische

Föderative Republik Jugoslawien als einen Wohlfahrtsstaat, der zur Vollbeschäftigung tendierte. Er betonte aber auch, dass nach 1960 kein vergleichbarer ökonomischer Zuwachs mehr zu verzeichnen war. Mit Beginn des nächsten und bis 1968 andauerndem Wirtschaftszyklus wurden die Voraussetzungen für die Formierung eines sozialistischen Konsumenten, der Herausbildung einer jugoslawischen Mittelklasse und der Änderung der Klassenstruktur geschaffen – Änderungen, die in den 1980er Jahren, als es zum ökonomischen Stillstand und unterschiedlichen Facetten der politischen Krise kam, entscheidend werden sollten. In diesem letzten Jahrzehnt der jugoslawischen Geschichte wurde das Feld für diejenigen Werte bestellt, die nach dem Ende Jugoslawiens zu dominanten Werten werden sollten. Der Vortrag von Miklavž Komelj, einem Theoretiker aus Ljubljana, orientierte sich an sein Referat von 2008, das er an der «Arbeiter- und Punk- Universität» [DPU] gehalten hatte. Darin versuchte Miklavž mehrere Ansatzpunkte für seine Überlegung darzustellen, wie die «Antitotalitaristische» Rhetorik, die sich seiner Meinung nach auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien breit gemacht hat, die Tatsache zu verdecken sucht, dass die blutige Zerstörung Jugoslawiens untrennbar mit dem Prozess der kapitalistischen Restauration verbunden war. Im Zentrum seiner Überlegungen stand die Frage, wie sich im Kontext eines globalisierten Kunstsystems das sogenannte Feld einer «östlichen Kunst» entwickeln konnte, das sich Deklarativ als Resultat einer Dekonstruktion von Ideologie versteht, gleichzeitig aber den Totalitarismus-Begriff, einem grundsätzlich ideologischen Begriff, als operationalisierbar betrachtet. In diesem Kontext führte Komelj eine interessante Analyse des bekannten Plakats zum Neuen Kollektivismus am «Tag der Jugend» von 1987 aus, in dem nazistische Symbole in sozialistische verwandelt wurden, womit, der geläufigen Meinung nach, der totalitäre Charakter des jugoslawischen Sozialismus ans Tageslicht kam. Die Aktion des Neuen Kollektivismus habe aber, so Komelj, gerade jenen reaktionären gesellschaftlichen Kräften, die zu diesem Zeitpunkt im Anwachsen waren, erst die Legitimität gesichert, konnten diese doch das jugoslawische Gesellschaftssystem als «totalitär» bezeichnen.

Die momentan in Belgien lebende Belgrader Dramaturgin Ivana Momčilović und Slobodan Karamanić, Soziologe aus München, stellten ihren Referaten zunächst eine Vorstellung ihrer Ausstellung «Jugoslawien denken – 20 Jahre danach» voran, die im November und Dezember 2011 an der Freien Universität Brüssel stattgefunden hatte. Das Referat von Ivana Momčilović beschäftigte sich mit einem Vorwort von Sartre, das er unter dem Titel «Verlogene (wilde) Hasen oder verlogene Wissenschaftler» dem Buch von Louis Dalmas «Der jugoslawische Kommunismus nach dem Bruch mit Moskau» voranstellte und in dem er dem «stalinistischen Objektivismus» die subjektive Grundlage des Aufstands entgegenstellt, worin Fehler und Risiko als elementare Bestandteile der Emanzipation und des sozialistischen Aufbaus betont werden. Den «halben» jugoslawischen Sieg bewertet Sartre insofern als bedeutend für Frankreich, als er die Kraft des subjektiven Faktors zurück in die Politik brachte – was auch aktuell wichtig ist.

Vom Schäferhund zum Pudel

«Wessen Name ist Tito» lautete die Überschrift des Referats von Slobodan Karamanić, womit er Titos Namen in den Kontext seiner Entstehung bringen wollte: in die Zeit der Illegalität und des Kampfes gegen die Tyrannei. Die heutigen Versuche einer Psychologisierung Titos als absolutem Herrscher – auf einer Skala zwischen Dämonisierung (Zuschreibung von Verbrechen, die er niemals begangen hat) und Faszination (die liberalen Medien sehen ihn am liebsten als Bohemien) – seien der ideologische Ausdruck einer Legitimierung der gewalttätigen Zerstörung Jugoslawiens, so Karamanić. Den Namen Tito müsste man vielmehr zwingend als den Namen eines Kollektivs auffassen, das im Widerstand entstand, als Gegen-Macht, als Konstituierung einer subjektiven Prämisse, die außerhalb jedweder bestehender staatlicher Machtverhältnisse stand. Das Programm der KPJ müsse man im Geiste dessen verstehen, was dort unumwunden steht: nicht als Versuch des Aufbaus eines Wohlfahrtsstaats mit Vollbeschäftigung, sondern als Versuch einer Realisierung der Diktatur des Proletariats.

 

Nach dem knapp zweistündigen Vortragsteil blieb im überfüllten Lesesaal leider nicht mehr genügend Zeit für inhaltliche Diskussionen, weder mit dem Vertretern der «staatstreuen Linie», die gegen das Thema protestiert haben, noch zwischen den Referenten untereinander, deren Unterschiede am deutlichsten in der Relation Slobodan Karamanić – Mislav Žitko erkennbar waren.

Text: Andrea Radak, Novosti (23.3.2012)

Übersetzung: Krunoslav Stojaković, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Referat für Ost-, Mittelost- und Südosteuropa, Berlin



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